Wie gesund ist eigentlich Stadthonig?

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen der festen Überzeugung sind, Stadthonig könne nicht oder weniger gesund sein, als Honig vom Land. Natürlich liegt das im ersten Moment nahe. Vollgestopfte Straßen, hupende Autos und Staus. Hinzu kommen noch Abgase von Fabriken und Bussen. Da kann es einem beim morgendlichen Frühstück mit Honig von Nebenan schon mal mulmig werden. Doch keine Sorge, im letzten Jahrzehnt hat sich so einiges verändert. Das Benzin wurde Bleifrei, wodurch sich die Bleibelastung in der Luft teilweise um das 200-fache reduziert hat. Die meisten Autos besitzen Katalysatoren und verschmutzen die Natur umweltfreundlicher als zuvor und auch große Fabriken ziehen sich mittlerweile grüne Hemden über indem sie ihre Schlote mit Rußpartikelfilter nachrüsten. Ist zwar alles nicht wirklich berauschend, aber zumindest ein Anfang.

Doch wie ist das jetzt in der Stadt? Wer meint, mit all dem Lärm und Abgasen wäre es unmöglich „sauberen“ Honig zu bekommen, der irrt. Stadthonig ist nicht nur gesund sondern nahezu unbelastet! Das ergab eine unabhängige Untersuchung des Berliner Stadthonigs. Im Stadthonig wurden nur sehr, sehr geringe Spuren von Stadtverkehr und Abgasen nachgewiesen.

Jetzt werden sicher ein paar von euch aufspringen und sagen „Ha! Also doch belastet!“. Doch ich kann euch beruhigen. Die Belastung durch Blei, Cadmium und PAKs (Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen) liegt weit unter den, von der WHO (World Health Organisation) festgelegten Grenzwerten für Trinkwasser. Und diese sollten wohl als Maßstab für jedwedes Lebensmittel gelten können. Immerhin konsumiert jeder von uns mehr Trinkwasser als er Honig zu sich nimmt. Selbst ein passionierter Imker kann nicht mehr als 80kg Honig pro Woche essen.

Aber wie kommt dieser hohe Grad an Reinheit von Stadthonig zustande?

Bleiverbot, Katalysatoren und Rauchgasreinigung sind das Eine, doch gibt es noch weitere Faktoren, die die Belastung drastisch senken. Bienen sammeln bevorzugt Nektar aus frisch aufgeblühten Blüten und die Blütezeit der einzelnen Pflanzen ist relativ kurz. Dadurch hat der Nektar kaum Zeit, Schadstoffe aufzunehmen. Sollte der Nektar doch durch Abgase belastet sein, so werden die fettlöslichen Stoffe im Bienenkörper und durch das Wachs der Honigwaben entfernt. Auch verzichten die meist Städter auf den großflächigen Einsatz von Pestiziden. Immerhin nebelt niemand die Allen von Linden, Robinien oder Kastanien mit Tonnen von Insektenvernichtungsmittel ein. Zu guter Letzt haben Honigbienen in der Stadt nur sehr selten Kontakt mit gentechnisch veränderten Pflanzen, was auf dem Land leider ab und an einmal passieren kann. Wo der Anbau von gentechnisch verändertem Mais (zu Testzwecken) erlaubt ist kann es beispielsweise vorkommen, dass sich die kleinen Insekten an den „Vorsicht Gen-Mais“-Schildern vorbei stehlen um dort in Ruhe und unbehelligt von anderen Insekten und Tieren Pollen zu sammeln.

Wo wir gerade von Pollen sprechen – für Bienen ist die Stadt ein Paradies und sie fühlen sich pudelwohl. Denn dort finden sie einen reichhaltigen und abwechslungsreichen Speiseplan. Blüten verschiedenster Arten zeigen das ganze Jahr über abwechselnd ihre Pracht und versorgen die fleißigen Insekten mit unterschiedlichstem Pollen und Nektar. Das ist nicht nur gut für die Biene, man schmeckt es auch in ihrem Honig – die Pflanzenvielfalt ist ein wichtiger Grund, warum jeder Stadthonig wirklich einzigartig schmeckt.

Ganz andere Verhältnisse finden wir auf dem Land.

Gezielte Züchtungen von kurzblühenden Rapssorten bis hin zu kilometerlangen Maiswüsten – das Bild ist dank intensivster Flächennutzung in manchen Gegenden verheerend. Dabei vermittelt das Wort „Land“ für jeder Städter ein Gefühl von Natur, Wiesen, Felder und Freiheit. Doch Bienen leiden in einigen Regionen regelrecht Hunger, da sie einfach keine Nahrung mehr finden. Schuld an dem massiven Schwund von naturbelassenen Blühwiesen sind aber nicht nur die Landwirte. Hersteller von Saatgut, achten meist nur bedingt auf bienenfreundliche Eigenschaften und den Landwirten bleibt oft keine Alternative zu subventionierten, kommerziellen Zuchtsorten. Deren schnelles Wachstum mit sehr kurzen Blütezeiten stellt die die Bienen vor ein großes Problem Hinzu kommt natürlich der Einsatz von Pestiziden und Pflanzenschutzmitteln. Ist eine Biene mit diesen Substanzen besprüht worden, verliert sie die Orientierung, findet nicht mehr zurück in den Bienenstock und ist auf sich allein gestellt zum Sterben verdammt.

Doch auch wenn es den eifrigen Sammelrinnen auf dem Land nicht besonders gut geht und der Bienenbestand seit Jahren stagniert, gibt es eventuell einen Möglichkeit, um die Bienenpopulation wieder in Schwung zu bringen. „Urban Beekeeping“ heißt der neue Trend, der neuerdings viele Städter auf Dächer steigen lässt. Denn die Stadt ist Ruhepol und Zufluchtsort für viele bedrohte Arten, nicht nur für die Honigbiene. Immer mehr Bienenstöcke sind in Gärten, Friedhöfen, Parks oder auf Balkonen und Dächern unserer Großstädte zu finden. Aber damit die Imker unserer Stadtdächer weiterhin für eine blühende und artenreiche Nachbarschaft sorgen können, müssen sie ihren Honig verkaufen. Allein schon um ihre Ausgaben für die Imkerei decken zu können. Den Untersuchungen sei’s gedankt, dass Schleckermäuler nun unbeschwert zu Honig aus der Stadt greifen können. Dadurch erleben sie nicht nur ein schmackhaftes Stück Natur ihrer direkten Umgebung, sondern tragen auch zum Erhalt dieses Paradies bei – für Biene und Mensch!

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