Back to the roots – Erhalt alter Pflanzenarten

Natur- und Artenschutz wird in der Öffentlichkeit immer präsenter: Schüler demonstrieren, das Internet wird von Petitionen überschwemmt und in Bayern sorgt das erfolgreiche Volksbegehren Artenvielfalt für Aufsehen. Die Forderungen der Bürger sind deutlich: Die Politik muss auf das Artensterben reagieren und der Landwirtschaft verbindliche Regelungen zu einem umweltfreundlichen Umgang mit der Natur geben.

Doch Veränderung fängt schon im Kleinen an. Anstatt also auf das Handeln von Politikern zu warten, kann jeder Einzelne von uns seinen eigenen Beitrag leisten! In dieser Blogreihe stellen wir Dir verschiedene Möglichkeiten vor, wie Du Deinen Garten, Balkon oder sonstige Naturflächen ganz einfach insekten- und umweltfreundlich gestalten und so Deinen Teil zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen kannst.

Vergessene Vielfalt

Lila Karotten, gelbe Beete und weiße Erdbeeren – klingt als würden diese Gemüse- und Obstsorten direkt aus dem Genlabor stammen, tatsächlich handelt es sich aber um uralte Pflanzen! Diese Sorten sind heute meistens kaum noch bekannt, obwohl es sie bereits seit mehreren 100 Jahren gibt. Die alten Nutzpflanzen wurden immer weiter durch neue Sorten verdrängt, die ertragreicher sind und eine einheitliche Ernte produzieren. Auch im internationalen Handel bieten neu gezüchtete Sorten den Vorteil, dass sie länger frisch bleiben und lange Transporte unbeschadet überstehen.

Alte Gemüse- und Obstsorten wurden deshalb schon lange aus den Supermarktregalen verdrängt. 75% der Sorten sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts bereits verloren gegangen, berichtet die Welternährungsorganisation FAO. Viele alte Apfel-, Birnen-, Nüsse- und Beerenpflanzen sind nicht mehr zu retten und auch Wildobstpflanzen wie Sanddorn, Eberesche und Schlehen sind betroffen. Heute findet man in den großen Supermärkten meist nur ein bis zwei verschiedene Sorten. Jedoch ist der Geschmack der neuen Sorten ebenso einheitlich wie ihre Form und Farbe! Die Vielfalt, die alte Sorten bieten konnten, ist kaum noch oder überhaupt nicht mehr wahrnehmbar. Außerdem sind die gezüchteten Sorten deutlich anfälliger für Krankheiten als alte Sorten und haben deshalb einen erhöhten Bedarf an Pflanzenschutz. In der konventionellen Landwirtschaft wird dann auf künstliche Pflanzenschutzmittel zurückgegriffen, welche das Artensterben mitverantworten und die Umwelt belasten. Rückstände dieser Mittel bleiben außerdem auf und in den Pflanzen zurück und finden so ihren Weg auf unsere Teller.

1

Verbotene Frucht?

Alte Sorten werden aber nicht nur verdrängt, weil neue Züchtungen auf den massenhaften Verkauf angepasst sind. Der Handel mit alten Sorten wird auch rechtlich eingeschränkt über das Saatgutverkehrsgesetz. Dieses enthält ein Sortenregister, in dem festgehalten wird, wie eine Pflanze und ihre Frucht aussieht, sodass der Kunde weiß, was ihn zu erwarten hat. Da alte Sorten sich von Natur aus verändern und immer neue Formen und Farben entwickeln, werden sie nur schwer in die Liste aufgenommen. Steht eine Gemüse- oder Obstsorte nicht im Sortenregister, darf sie offiziell nicht gehandelt werden. Ausnahmen gelten nur, wenn der Händler eine Zulassung erwirbt – diese ist allerdings aufwendig zu beschaffen und außerdem teuer, weshalb viele darauf verzichten. Ohne Lizenz dürfen diese Sorten aber dennoch teilweise als Zierpflanzen verkauft werden. Ausgenommen sind auch der Anbau im eigenen Garten und das Verschenken.

Natürlich im Vorteil

Alte Pflanzensorten müssen geschützt und gefördert werden, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt! Da alte Pflanzen nicht entsprechend der Bedürfnisse des Menschen gezüchtet sind, haben sie keine gleichmäßige Reifezeit: Sowohl Blüte als auch Frucht verteilen sich oftmals über das Jahr hinweg, statt zu einem festen Zeitpunkt aufzutreten. Somit bieten sie Insekten länger eine Nahrungsquelle und auch für den Gartenbesitzer liefern sie ein regelmäßiges Angebot. Mit ungewöhnlichen Farben und skurrilen Formen sind die Früchte alter Pflanzen jedes Mal eine Überraschung. Hinzu kommt eine große Geschmacksvielfalt und intensive Aromen, bei denen Supermarktsorten oft nicht mithalten können. Der erhöhte Bitterstoff- und Vitaminanteil macht viele der alten Pflanzen außerdem deutlich gesünder als neue Sorten.

Viele Sorten lassen sich ganz einfach im eigenen Garten oder sogar im Topf auf dem Balkon oder der Terrasse anpflanzen. Im Gegensatz zu neueren Züchtungen sind alte Pflanzenarten sehr robust und benötigen nur wenig Pflege, wenn sie an einem passenden Standort platziert sind. Außerdem sind sie samenfest, sie können sich also selbst weitervermehren. Neue Pflanzensamen hingegen sind oft Hybride, die sich nicht fortpflanzen können – ihre Samen müssen jedes Jahr aufs Neue gekauft werden.

Die Vielfalt der Äpfel

Der Apfel gehört zu den beliebtesten Obstsorten unter den Deutschen. Weltweit gibt es etwa 20.000 Apfelsorten, 1.600 davon wachsen in Deutschland. Da Apfelbäume sehr alt werden können, gibt es noch eine vergleichsweise große Sortenvielfalt. Allerdings sind nur etwa 20 Sorten wirtschaftlich bedeutsam, darunter befinden sich aber auch drei alte Sorten: Boskoop, Cox Orange und Goldparmäne.

Bei Äpfeln ist der Unterschied zwischen alten und neuen Sorten besonders deutlich erkennbar. Alte Apfelsorten enthalten mehr Polyphenol, welches den Früchten einen sehr aromatischen Geschmack verleiht. Allerdings sorgt es auch dafür, dass die Äpfel weniger süß sind und sich nach dem Anschneiden schneller braun verfärben. Neue Sorten enthalten deshalb weniger davon. Da Polyphenol aber allergene Stoffe in den Äpfeln hemmen kann, sind alte Sorten für Allergiker oft besser verträglich.

4

Tomaten für jeden Geschmack

Tomaten blicken ebenfalls auf eine lange Entwicklung zurück. Bereits im 15. Jahrhundert kamen sie von Südamerika nach Europa. Die Schätzung der weltweit existierenden Sorten schwankt zwischen 3.000 und 10.000 – doch die neuen Sorten dominieren im offiziellen Register. Im Gegensatz zu anderen Gemüsesorten, findet man im Supermarkt noch viele unterschiedliche Tomatensorten: Fleisch-, Cocktail- oder Johannisbeertomaten sind beinahe immer anzutreffen. Allerdings handelt es sich auch hier um Hybrid-Züchtungen. Je nach bevorzugter Sorte, gibt es aber die passenden Samen, welche Tomaten in allen Formen und Farben bieten. Ochsenherz-Tomaten entwickeln zum Beispiel sehr große, aromatische Früchte; Dattelweintomaten hingegen sind orange und erinnern mit ihrer länglichen, ausgebeulten Form an kleine Birnen. Bei wenig Platz ist die Himbeerfarbige ideal, denn sie lässt sich auch in Ampeln ziehen.

Wer das erste Mal eine alte Tomatensorte zum Kochen verwendet, wird vermutlich überrascht: Viele von ihnen haben einen sehr würzigen Geschmack, manche sind eher süß oder sogar säuerlich. Deshalb lohnt es sich, mehrere Sorten zu probieren und die Vielfalt kennenzulernen. Der Vorteil an Tomaten: Es ist kein großer Garten nötig, um sie anzubauen. Auch auf sonnigen Balkonen können eigene Tomaten angepflanzt werden.

Wo kriegt man es her?

Auch viele weitere Obst- und Gemüsesorten bieten eine große Vielfalt, die entdeckt werden kann. Aber wo bekommt man die alten Sorten her? Kauft man Saatgut im Gartencenter, gibt es oft nur eine kleine Auswahl verschiedener Sorten und dabei handelt es sich in der Regel um Hybride. Alte Sorten müssen deshalb gezielt gesucht werden: Man findet sie in Fachgeschäften oder auf Online-Plattformen, die auf den Verkauf dieser Sorten spezialisiert sind. Auch Baumschulen ziehen alte Sorten an, um diese am Leben zu erhalten. Wenn lokale Angebote vorhanden sind, sollten diese genutzt werden, denn das Saatgut ist dadurch bereits an die Umgebung angepasst und wird erfolgreicher wachsen. Wenn Du jetzt schon neugierig auf den Geschmack alter Gemüse- und Obstsorten bist und diese probieren möchtest, hast Du meist beim Einkauf auf Bauernmärkten, in Naturkost- oder Hofläden Erfolg. Manche Bauern verkaufen neben den Früchten auch das Saatgut ihrer alten Obst- und Gemüsepflanzen.

Du willst noch mehr wissen?

Einen umfassenden Überblick über die Vielfalt alter Sorten bietet das Buch “Alte Obstsorten” von Walter Hartmann (Ulmer Verlag). Entdecke 290 verschiedene Obstsorten mit den dazugehörigen Bildern und weiteren interessanten Informationen zu den Früchten und der Pflege. Wenn Du außerdem mehr über alte Gemüsesorten wissen möchtest, dann findest Du in dem Buch “Alte Gemüse neu entdeckt” von Joachim Mayer (GU Verlag) zahlreiche Gemüse und Tipps, wie Du sie anbauen und pflegen kannst, um so die Vielfalt kennen zu lernen und am Leben zu erhalten.


Zuvor in dieser Blogreihe erschienen:

Fit für den Winter
Kann das weg? – Der richtige Umgang mit Unkraut
Back to the roots – Erhalt alter Pflanzenarten
Lästige Gäste – So gelingt Schädlingsbekämpfung ohne Chemie
Natürliches Upcycling – vom Abfall zum wertvollen Humus
Aus grau mach’ bunt – mit den Waffen der Guerilla Gärtner
Viele Pflanzen, wenig Platz – So wird der Balkon vielfältig
Insektenhotels und Nisthilfen
Vom Boden bis zur Blüte – ein Insektenparadies entsteht
Grow wild – vom englischen Rasen zum Insektenparadies

  Zur Übersicht