Lästige Gäste – So gelingt Schädlingsbekämpfung ohne Chemie

Natur- und Artenschutz wird in der Öffentlichkeit immer präsenter: Schüler demonstrieren, das Internet wird von Petitionen überschwemmt und in Bayern sorgt das erfolgreiche Volksbegehren Artenvielfalt für Aufsehen. Die Forderungen der Bürger sind deutlich: Die Politik muss auf das Artensterben reagieren und der Landwirtschaft verbindliche Regelungen zu einem umweltfreundlichen Umgang mit der Natur geben.

Doch Veränderung fängt schon im Kleinen an. Anstatt also auf das Handeln von Politikern zu warten, kann jeder Einzelne von uns seinen eigenen Beitrag leisten! In dieser Blogreihe stellen wir Dir verschiedene Möglichkeiten vor, wie Du Deinen Garten, Balkon oder sonstige Naturflächen ganz einfach insekten- und umweltfreundlich gestalten und so Deinen Teil zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen kannst.

Pestizide im heimischen Garten

Schädlinge und Krankheiten im eigenen Garten sind der Albtraum jedes Hobbygärtners. Blattläuse, Gemüsefliegen und die Larven vieler Insekten machen sich gierig über die liebevoll angelegten Pflanzen her und verderben schnell den Spaß an der Gartenarbeit. Schnecken können mit ihrem stark ausgeprägten Geruchssinn sogar über 20 Meter hinweg Gärten mit viel Nahrung aufspüren. Gerade wenn Pflanzen durch wenig Licht und übermäßige Nässe geschwächt sind, werden sie außerdem anfällig für verschiedene Pilzerkrankungen. Glyphosat, Insektizide und Pestizide scheinen in diesen Fällen auf den ersten Blick eine große Verlockung zu sein! Sie versprechen nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im privaten Garten eine schnelle Abhilfe, um Krankheits- und Schädlingsbefälle einzudämmen.

Doch diese mineralischen Pflanzenschutzmittel greifen massiv in das natürliche Ökosystem des Gartens ein, denn sie bekämpfen nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Insekten. Sie gehören zu den Nervengiften und werden von den Insekten aufgenommen, wenn diese die Pollen und den Nektar behandelter Pflanzen zu sich nehmen. Auch Wassertropfen, die sich auf den Blättern sammeln, enthalten Schadstoffe. Die Aufnahme dieser chemischen Pflanzenschutzmittel führt allerdings nicht zwingend zum unmittelbaren Tod der Insekten. Pestizide schädigen das Immunsystem und beeinträchtigen die Fruchtbarkeit vieler Insekten. Neonicotinoide sorgen bei Bienen, aber auch bei größeren Tieren wie Vögeln oder Fledermäusen, für Orientierungslosigkeit und den Verlust der Kommunikationsfähigkeit. Die Folge: Sie finden weder ihren Unterschlupf noch Nahrung und sterben daran.

Auch der Boden nimmt Schaden an. Streusalze können zu einer Übersalzung des Bodens führen und bei Regen besteht die Gefahr, dass die Pflanzenschutzmittel in das Grundwasser gelangen. Außerdem werden bei der intensiven Düngung den Pflanzen viele Stickstoffe zugefügt, die zu Nitrat werden und im Boden oder in Gewässern zurückbleiben. Rückstände der verwendeten Pestizide bleiben außerdem auf und in den Pflanzen zurück – so landen sie über Obst und Gemüse schließlich auf unseren Tellern. Welche Auswirkungen diese Spuren auf den Menschen haben ist noch nicht geklärt.

Schädling oder Nützling?

Das Auftreten vieler Schädlinge hängt oft mit einem ökologischen Ungleichgewicht zusammen. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen Schädlingen und Nützlingen. Während Schädlinge sowohl den Boden als auch verschiedene Pflanzen angreifen und diese beschädigen, helfen Nützlinge, indem sie die schädlichen Insekten essen. Marienkäfer sind beispielsweise ein natürlicher Fressfeind der Blattläuse, aber auch Laufkäfer, Schwebfliegen, Schlupf- und Grabwespen sind eifrige Helfer. Ein vielfältiges Nahrungsangebot im Garten ist unverzichtbar, denn dieses lockt viele Nützlinge an, die wiederum die Arbeit des Gartenbesitzers erleichtern. Auch größere Lebewesen wie Vögel, Spitzmäuse oder Eidechsen können hilfreich sein. Welche Pflanzen für einen insektenfreundlichen Garten wichtig sind, erfährst Du hier.

Vorsorge statt Nachsorge

Für einen gesunden Garten gilt stets die Regel: Vorsorge geht vor Nachsorge! Sind Krankheiten ausgebrochen, ist es teilweise sehr schwierig diese wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch bereits bei der Gartenplanung können häufige Ursachen vermieden werden. Zunächst ist es entscheidend, dass die Pflanzen an passenden Standorten angepflanzt werden, denn durch falsche Umwelteinflüsse (z. B. zu viel Sonne, falscher Boden) werden sie geschwächt und sind anfälliger für Krankheiten. Viele Gewächse haben eigene Abwehrmechanismen, um gierige Insekten fernzuhalten, dazu gehören zum Beispiel ein intensiver Geruch oder bittere bis giftige Blätter. Diese Abwehrmechanismen funktionieren aber nur zuverlässig, wenn die Pflanze stark und gesund ist. Es können auch gezielt Opferpflanzen eingesetzt werden. Das sind Pflanzen, die bestimmte Insekten anziehen und sie somit von anderen Blumen und Sträuchern fernhalten – sie opfern sich sozusagen auf. Gerade im Gemüseanbau wird die Ernte auf diese Weise gezielt vor Schädigungen bewahrt.

Je nach Schädling, bieten sich unterschiedliche Opferpflanzen an: Studenten- und Ringelblume eignen sich gut, um Schnecken zu ködern; Kapuzinerkresse und Lavendel wiederum ziehen Blattläuse an. Die Blumen können am Rand der Beete stehen, damit Schädlinge direkt “abgefangen” werden. Aber auch eine gezielte Platzierung zwischen anfälligen Pflanzen ist sinnvoll.

Beetnachbarn

In Mischkulturen wird die Idee der Opferpflanzen aufgegriffen und weiter ausgebaut. Hier werden gezielt Pflanzen nebeneinander gesetzt, deren Eigenschaften sich ergänzen, sodass sie sich gegenseitig helfen können. Dazu gehört die Produktion und der Verbrauch von nützlichen Nährstoffen, aber auch das Fernhalten von Schädlingen (z.B. durch intensive Gerüche). Eingesetzt werden Beetnachbarn meist beim Obst- und Gemüseanbau. Tomaten wachsen gut zusammen mit Kohl oder Knoblauch, Basilikum schützt sie vor Mehltau und der weißen Fliege. Gelbe Rüben wiederum vertragen sich am besten mit Rosmarin, welcher die Möhrenfliege fernhält. Aber auch Dill ist der ideale Nachbar, denn er erhöht die Keimfähigkeit der Möhren und hält verschiedenste Schädlinge fern. Es gibt allerdings auch Pflanzenkombinationen, die sich negativ auf das Wachstum auswirken und deshalb vermieden werden sollten. Kartoffeln vertragen sich schlecht mit anderen Nachtschattengewächsen, wie Paprika oder Tomaten, denn das gemeinsame Anpflanzen kann zu Braun- oder Krautfäule führen! Um Schäden zu vermeiden, solltest Du dich vor dem Anlegen von Mischkulturen über gute und schlechte Nachbarn informieren.

Ordnung im Garten

Hygiene ist für einen gesunden Garten unverzichtbar: Gartengeräte müssen stets gesäubert werden und die regelmäßige Untersuchung der Blätter, auch auf der Unterseite, ist eine Tätigkeit, die nicht vernachlässigt werden darf. Ein Schädlingsbefall wird damit schnell erkannt und man kann zügig reagieren, bevor sich das Problem vergrößert. Anfangs reicht es meist sogar, die Blätter einfach mit der Hand abzustreichen oder mit Wasser zu besprühen. Einzelne, stark befallene Blätter sollten direkt entfernt werden, um eine Ausbreitung auf die gesamte Pflanze zu verhindern. Die entfernten Blätter dürfen allerdings nicht auf dem Kompost entsorgt werden, da die Temperaturen innerhalb des Komposts oft zu niedrig sind, um alle Schädlinge abzutöten! Welche Materialien ebenfalls nicht in den Kompost dürfen, kannst Du übrigens hier nachlesen. Nach einem starken Schädlingsbefall sollten alte Blätter weiterhin regelmäßig entfernt werden, um die Gefahr eines erneuten Ausbruchs zu verringern.

Ablenken und umleiten

Doch auch bei der besten Vorsorge können Schäden nicht immer vermieden werden. Starke Witterungen oder intensive Temperaturschwankungen schwächen die Gartenpflanzen und fehlende Fressfeinde fördern die Ausbreitung von Schädlingen. Bei einigen Schädlingen kann das Auslegen von Ködern helfen: Viele Schneckenarten bevorzugen angerottetes Gemüse und Obst. Legt man ihnen also Kartoffelstücke oder alte Salatpflänzchen an den Rand des Beetes, essen sie sich oft schon satt, bevor sie die eigentlichen Gemüsepflanzen erreicht haben. Auch physikalische Barrieren, wie Kulturschutznetze und Schneckenzäune, wehren sie ab.

Die meisten Insekten sind aber in der Luft unterwegs oder sehr klein und lassen sich von solchen Grenzen nur schwer abhalten. Da sich Schädlinge sehr schnell vermehren, kann ein erster Schritt sein, ihren natürlichen Vermehrungszyklus einzudämmen. So kann sich das Gleichgewicht zwischen Nützlingen und Schädlingen wieder regulieren. Hierfür bieten sich Pheromonfallen an, die männliche Insekten von den Weibchen weglocken. Der Vorteil dabei ist, dass gezielt eine Art von Schädling bekämpft werden kann, ohne auf andere Insekten Einfluss zu nehmen.

Natürlicher Pflanzenschutz

Pflanzenauszüge sind die pflanzliche und umweltfreundliche Alternative zu chemischen Bekämpfungsmitteln. Hier werden ätherische Öle und Düfte der Pflanzen genutzt, um Schädlinge abzuwenden. Dafür werden die jeweiligen Pflanzen mit Wasser vermengt, wobei es verschiedene Vorgehensweisen gibt. Jauchen sind Stärkungsmittel, bei deren Herstellung das Wasser mit dem jeweiligen Pflanzenmaterial mehrere Wochen gärt. Auch zur Schädlingsabwehr kann Jauche genutzt werden, gegen Blattläuse helfen beispielsweise Brennnesseln und Rainfarn. Für akute Fälle sind Kaltwasserauszüge eine rasche Hilfe: Das Wasser wird mit Brennnesseln oder Tomatenblättern vermengt und kann bereits nach einigen Stunden verwendet werden. Noch schneller einsetzbar sind Teeaufgüsse aus Wermut, Schachtelhalm oder Löwenzahn. Wie von der Teezubereitung bekannt, werden die Kräuter einfach mit heißem Wasser übergossen und können bereits nach fünfzehn Minuten Ziehzeit und dem Abkühlen ausgebracht werden! Jede der genannten Pflanzen wird bei unterschiedlichen Schädlingen eingesetzt, manche eignen sich eher zur Vorbeugung, während andere Akutfälle schnell bewältigen.

8

Nur als letzter Ausweg sollten Hausmittel wie Schmierseife oder Neemöl zum Einsatz kommen. Diese sind zwar weniger bedenklich als mineralischer Pflanzenschutz, es besteht aber dennoch die Gefahr, dass neben den Schädlingen auch Nützlinge abgetötet und die Pflanzen geschwächt werden. Diese Nebenwirkungen begünstigen zukünftige Krankheitsfälle, da sie die natürlichen Kreisläufe weiter durchbrechen.

Du willst noch mehr wissen?

Einen tiefergehenden Einblick in die natürliche Schädlingsbekämpfung bietet das Buch “Alternative Dünger” von Katharina Adams und Andreas Steinert (Cadmos Verlag). Hier erfährst Du, was Du von der Bodenanalyse bis zur Herstellung eigener Hilfsmittel wissen musst. Das Buch “Pflanzenkrankheiten: Erkennen und behandeln” von Jochen Veser (Ulmer Verlag) erklärt die gängigsten Krankheiten und Schädlinge. Zahlreiche Tipps zur Vorbeugung und Bekämpfung machen Deinen Garten im Handumdrehen zu einem gesunden Ökosystem. In ihrem Buch “Anleitung für Selbstversorger” erzählen Miriam und Peter Wohlleben (Ulmer Verlag) außerdem, mit welchen Schädlingen (Insekten, aber auch größere Tiere) sie in ihrem Garten konfrontiert sind. In “Wo die wilden Nützlinge wohnen” von Sonja Schwingesbauer (Edition Loewenzahn) erfährst Du viel darüber, wie Du in Deinem Garten unkompliziert Plätze für nützliche Wildtiere gestalten kannst. Sie helfen Dir nicht nur dabei Schädlinge in Schach zu zu halten, sondern machen auch die Erde fruchtbar und bestäuben Obst- und Gemüsepflanzen.


Zuvor in dieser Blogreihe erschienen:

Fit für den Winter
Kann das weg? – Der richtige Umgang mit Unkraut
Back to the roots – Erhalt alter Pflanzenarten
Lästige Gäste – So gelingt Schädlingsbekämpfung ohne Chemie
Natürliches Upcycling – vom Abfall zum wertvollen Humus
Aus grau mach’ bunt – mit den Waffen der Guerilla Gärtner
Viele Pflanzen, wenig Platz – So wird der Balkon vielfältig
Insektenhotels und Nisthilfen
Vom Boden bis zur Blüte – ein Insektenparadies entsteht
Grow wild – vom englischen Rasen zum Insektenparadies

  Zur Übersicht